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Menschen bei Vitos Haina (1)
Florian Stöhr kam über einen BIB zum festen JobFlorian Stöhr kam über einen BIB zum festen Job

Der Mann der Zahlen

„Zahlen sind entweder richtig oder falsch. Dazwischen gibt es nichts“, sagt Florian Stöhr. Er mag diese Klarheit. Und deswegen mag er es auch, Buchungen zu überprüfen. Florian Stöhr erkennt schon auf den ersten Blick, ob eine Rechnung stimmig ist. Im Mai ist der 34-Jährige als regulärer Mitarbeiter in der Finanzbuchhaltung von Vitos Haina übernommen worden. Dass er eine seelische Grunderkrankung hat, ist ihm kaum anzumerken.

„Er hat ein Auge für Zahlen“, sagt sein Vorgesetzter Torsten Hesse, der die Finanzbuchhaltung leitet: „Wenn ich ihm eine Aufgabe gebe, kann ich mich 110-prozentig darauf verlassen, dass sie top abgearbeitet wird.“ Und „pfiffig“ sei Florian Stöhr auch.

Der 34-Jährige ist damit der erste von zwölf Mitarbeitern, der es von einem betriebsintegrierten Beschäftigungsplatz (BiB) auf einen regulären Arbeitsplatz bei Vitos Haina geschafft hat. Diese Plätze richten sich an Menschen mit seelischen Erkrankungen, für die eine Arbeit in einer Behinderten-Werkstatt zu wenig anspruchsvoll wäre. Sie arbeiten stattdessen bei privaten oder öffentlichen Unternehmen, wo sie größere berufliche Perspektiven haben. Die Beschäftigten gehören aber weiterhin zur Werkstatt. Bei Florian Stöhr hat dieses Experiment fast reibungslos geklappt. Seit neun Jahren hat er sich auf seinem Platz bewährt.

Das bestaufgeräumte Büro

Wer den 34-Jährigen in seinem Eckzimmer gleich links neben dem Eingang zu seiner Abteilung besucht, findet das „bestaufgeräumte Büro im ganzen Rechnungswesen“, so sein Chef. Nur ein Kalender hängt an der Wand. Die Papiere auf Florian Stöhrs Schreibtisch liegen akkurat im 90-Grad-Winkel zur Tischkante. Seine drei Stifte hat er exakt nebeneinander angeordnet. Ebenso sorgfältig stehen Scanner, Datumsstempel, Locher, Tesafilm und Hefter rechts neben dem PC. „Ich liebe Ordnung“, sagt Stöhr. Nur von den Eichhörnchen, die sich an den Bäumen vor dem Fenster hochhangeln, lässt er sich manchmal ablenken. Dass er ein Zimmer für sich hat, ist ihm wichtig: „Ich mag das nicht, wenn mir jemand auf die Finger guckt“, sagt er.

Dabei versteht er sich gut mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Finanzbuchhaltung. „Ein ganz lieber Kollege“, sagt Irina Sander über den immer freundlichen Mann. Meist trifft sie ihn morgens oder am frühen Nachmittag, wenn er die Post einsammelt. Dann trägt er die dicke, schwarze Aktentasche der Finanzbuchhaltung an der Winterkirche vorbei bis in die Verwaltung, wo er Kassenbelege und Abrechnungen in die richtigen Fächer wirft und ganze Packen neuer Post wieder zum Haus 21 trägt. Die Post zu holen, zählt zu seinen festen Aufgaben.

„Damals wussten wir gar nicht, was auf uns zukommt“, sagt der Finanzfachmann Hesse. Schließlich gehörte Stöhr zu den allerersten Mitarbeitern dieser Art. Die betriebsintegrierten Beschäftigungsplätze waren gerade erst eingeführt worden. Doch der scheue, junge Mann wuchs dem Vater von zwei Kindern schnell ans Herz. Er fand auch rasch heraus, worauf er achten muss: Man darf Florian Stöhr nicht zu viel Arbeit auf einmal aufladen und ihn nicht unter Druck setzen. Er braucht seinen eigenen Raum und abgesteckte Aufgabenfelder. „Und er ist jemand, der sich selbst oft überprüft“, sagt Hesse.

Florian Stöhr stammt aus dem nahegelegenen Rosenthal. Er war 17, als er krank wurde. Die Ausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen in einem Seniorenheim schaffte er noch. Dann fand er keinen Job mehr. Sein Betreuer bei den Vitos begleitenden psychiatrischen Diensten Haina vermittelte ihn in die Finanzbuchhaltung. Ein anspruchsvoller Arbeitsplatz, aber für Florian Stöhr war er genau richtig. Er ist nämlich sehr gewissenhaft, korrekt und akkurat. In der Vergangenheit – vor allem in den ersten Jahren - wurde er dabei noch regelmäßig von der Gruppenleiterin der Bathildisheimer Werkstätten unterstützt. Sehr wichtig sei aber auch das Team in der Finanzbuchhaltung, das den jungen Mann einfach wie einen Kollegen aufgenommen habe, „der seine eigenen Besonderheiten und Probleme hat.“

Aufgaben selbst einteilen

So hat Torsten Hesse ein schwarzes Körbchen mit gelben und blauen Kladden auf seinen Schreibtisch gestellt. Daraus kann sich Stöhr jeden Tag bedienen und sich seine Aufgaben selbst einteilen. Besonders gern übernimmt er die Buchungen der Kassen der Vitos Standorte Haina und Gießen. Was wurde für Essen, Parkgebühren und Bastelmaterial ausgegeben? Der 34-Jährige kontrolliert die Belege, verbucht sie in SAP und scannt diese im Datenmanagementsystem. Dafür braucht er etwas mehr Zeit als die Kollegen – Fehler passieren ihm allerdings nicht: „Ich bin ein totaler Perfektionist“, sagt er selbst. Stöhr bucht auch Sachkostenbelege und die Rechnungen aus dem Verkauf von Weizen, Zuckerrüben, Raps und Gerste des Gutsbetriebes von Vitos Haina.

Hesse freut sich, dass sich sein Zögling von Jahr zu Jahr ein wenig mehr öffnet. Von sich aus auf andere Menschen zuzugehen, sei allerdings bis heute nicht seine Sache.

Seit fünf Jahren lebt Stöhr in einer eigenen Wohnung im Nachbarort Löhlbach. Er mag es, auf dem Sofa zu liegen und sich bei einem guten Buch zu entspannen: Geschichte, Ärchäologie und Biographien interessieren ihn. Aktuell liest er gerade einen Band über das Alte Ägypten. Halt gibt ihm auch die freikirchliche Gemeinde, deren Gottesdienste er jedes Wochenende besucht.

Im Laufe der Jahre hat Stöhr sein Arbeitspensum gesteigert. Seit einem Jahr arbeitet er 30 Stunden anstelle der bis dahin üblichen 25 Stunden pro Woche. Angefangen hatte er mit einer halben Stelle. Um seine Aufgabengebiet zu erweitern, hospitiert er bei den Kollegen und besucht Fortbildungen für das Kalkulationsprogramm Excel, Kreditoren-Rechnungen und Power Point. Inzwischen erstellt er auch Serienbriefe und rechnet Inventuren. Und er weist Jahrespraktikanten in seine Tätigkeitsfelder ein, damit die Vertretung sichergestellt ist.

Dass er seit Mai ein „richtiger Mitarbeiter“ mit einem unbefristeten Vertrag ist, macht ihn froh: „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen“, sagt er. Das bedeutet, dass am Arbeitsplatz keine weitere Betreuung mehr nötig ist. Er ist auch wie ein normaler Beschäftigter im Verwaltungsdienst tariflich eingruppiert. Florian Stöhr möchte am liebsten für immer in der Finanzbuchhaltung bleiben: „Das wäre ein Sechser im Lotto“, sagt er mit einem vorsichtigen Lächeln.

Von Gesa Coordes

BIB

Betriebsintegrierte Beschäftigungsplätze (BiB) sind Arbeitsplätze, die von einer Werkstatt für behinderte Menschen in private und öffentliche Betriebe verlagert wurden. Der/die Werkstattbeschäftigte arbeitet in diesem Fall also in einem regulären Betrieb; durch die Werkstatt wird allerdings weiterhin eine Unterstützung am Arbeitsplatz gewährleistet.

Die Kosten für Leistungen eines BiB finanziert der Landeswohlfahrtsverband (LWV) Hessen als überörtlicher Träger der Eingliederungshilfe.

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