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Menschen bei Vitos Haina (14)
Jochen Drüen ist Arbeitspädagoge und „Firefighter“Jochen Drüen ist Arbeitspädagoge und „Firefighter“

Die nächste Herausforderung bereits im Blick

In voller Montur bei 30 Grad zehn Stockwerke erklimmen, Vollgummi-Schläuche ziehen, an einem Seil eine drei Meter hohe Wand überwinden oder einen 80 kg schweren Dummy dutzende Meter weit ziehen – das sind noch nicht einmal alle Stationen, die bei der Weltmeisterschaft der Feuerwehrsportler im Einzelwettkampf absolviert werden müssen. So verwundert es nicht, dass sich diese Disziplin TFA - „toughest firefighter alive“ – nennt, denn schon beim Lesen gerät man ins Schwitzen. Für Jochen Drüen aus Kleinern ist es jedoch purer Spaß und sein Erfolg, der sechste Platz in seiner Altersklasse, die Belohnung für ein halbes Jahr intensives FireFit-Training.

Neben dem Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr Wetterburg hat der 50-Jährige auf Umwegen seine Berufung als Arbeitspädagoge in den Co-Therapien der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina gefunden. Von der Motivation, immer wieder aufs Neue an seine körperlichen Grenzen zu gehen, und von den Besonderheiten seines Berufs, erzählt er im Interview.

Wie sind Sie zum Feuerwehrsport gekommen?

„Ich bin bereits seit Jahrzehnten in der Freiwilligen Feuerwehr tätig; vor gut vier Jahren kamen meine Kameraden auf die Idee, gemeinsam beim KölnTurm Treppenlauf an den Start zu gehen. Dafür habe ich dann trainiert, denn zu dieser Zeit war ich körperlich nicht wirklich fit. Letzten Endes habe ich den Lauf aber allein bestritten – die anderen hatten kalte Füße bekommen. Ab diesem Punkt bin ich drangeblieben, habe weiter trainiert und regelmäßig an Wettkämpfen teilgenommen. Zwischendurch bin ich auch gern bei Spendenmärschen dabei, manchmal auch gemeinsam mit meinem Sohn als „Team Grisu“. Letztes Jahr entschied ich mich dann dazu, bei der Weltmeisterschaft in Lissabon zu starten, und meine Anmeldung wurde angenommen.“

Was macht den Sport für Sie aus?

„Beim FireFit, so nennt sich die Wettkampf-Kategorie, bin ich nicht nur Teil einer weltweiten Community mit starkem Zusammenhalt, sondern bin auch perfekt auf Notfalleinsätze vorbereitet. Außerdem brauche ich konstante Herausforderungen – das treibt mich an. Ich gehe zwar immer wieder an meine körperliche Belastungsgrenze, aber das Faszinierende dabei ist, dass sich diese Grenze weiter ausdehnt und ich merke, zu wie viel mein Körper eigentlich fähig ist. Und über allem steht natürlich der Spaß!“

Wie haben Sie sich auf Lissabon vorbereitet?

„Als ich erfahren habe, dass ich bei der WM starten darf, habe ich von da an ein halbes Jahr täglich nach der Arbeit circa zwei Stunden trainiert – mal freies Training, mal im Fitnessstudio. Ich besitze einen eigenen Dummy, den ich ziehe und trage, laufe Treppen, ziehe einen Schlepperreifen und betreibe Intervalltraining. Auch meine Ernährung habe ich umgestellt, verzichte auf Alkohol und Fast Food. Zur Vorbereitung waren auch andere Wettkämpfe hilfreich, wie zum Beispiel der Mühlenkopf-Kraxler in Willingen. Dabei läuft man in voller Montur und mit Atemschutzmaske den Schanzenberg hinauf. Das klingt nicht nur anstrengend, sondern ist es auch. Aber wenn ich es dann geschafft habe und obendrein eine gute Platzierung erlangen konnte, ist da einfach nur Freude. Demnächst möchte ich übrigens einen neuen Weltrekordversuch starten: 36 Stunden auf dem Laufband in voller Montur!“

Wie haben Sie auch im beruflichen Kontext die Tätigkeit gefunden, die Ihnen Freude bereitet?

„In jedem Fall auf Umwegen, denn ich habe schon immer gern Verschiedenes ausprobiert. Dadurch bin ich mir aber im Umkehrschluss umso sicherer, dass ich als Arbeitspädagoge in dem Bereich angekommen bin, der am besten zu mir passt. Das hätte ich anfangs auch nicht gedacht, denn ich bin gelernter Forstwirt und habe ebenso neun Jahre lang bei der Bundeswehr gedient, auch im Ausland. Danach bin ich nach Köln gezogen, um bei der Werksfeuerwehr des RWE zu arbeiten und habe währenddessen meine Weiterbildung zum zertifizierten Baumkletterer absolviert. Nach einem Bandscheibenvorfall ging ich zurück in meine Heimat im Edertal. Als Berufsfeuerwehrmann konnte ich auf Grund der gesundheitlichen Einschränkungen nicht mehr arbeiten – doch so kam ich durch eine Umschulungsmaßnahme schließlich zur sozialen Arbeit.

Zunächst betreute ich psychisch kranke Jugendliche, später arbeitete ich in einer Wohngruppe für autistische Erwachsene, war dort zuständig für Bewegung und Sport. Aber die Forensik hat mich besonders gereizt. Bevor ich mich bei Vitos Haina beworben habe, stellte ich mir eine Frage, die jeder, der in diesem Bereich arbeiten möchte, für sich beantworten sollte: Kann ich den Menschen hinter der Straftat sehen und mich ihm annehmen? Nachdem ich darauf mit „ja“ antworten konnte, stand meine Entscheidung fest- und ich habe sie keinen Tag bereut.“

Durch was zeichnet sich die Arbeit in der Forensik aus und was sind Ihre Aufgaben?

„Man gibt den Patientinnen und Patienten eine normale Tagesstruktur, wie sie außerhalb des Maßregelvollzugs existiert, und gleichzeitig eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Die Patientinnen und Patienten in meiner Gruppe befinden sich noch nicht sehr lang im Maßregelvollzug und haben dementsprechend auch die ersten Berührungspunkte mit der Arbeitstherapie. Meine Aufgabe ist es, sie anzuleiten, ihnen Schritt für Schritt die Aufgaben zu erklären, ihnen zuzuhören und sie zu motivieren. Jeder arbeitet nach seinen Fähigkeiten und in seinem Tempo.

Währenddessen bin ich ebenso dafür zuständig, das Sozialverhalten der Patientinnen und Patienten zu beobachten und zu trainieren. In diesem Zusammenhang kann es eine Herausforderung sein, individuelle Befindlichkeiten einzuschätzen und die Therapie im ergotherapeutischen Setting dahingehend anzupassen. Aber genau das ist es, was mich täglich aufs Neue an meiner Arbeit reizt. Und jeden Tag gibt es kleine Erfolge und schöne Erlebnisse – nicht zuletzt auch durch die Zusammenarbeit in unserem tollen Team. Ich fühle mich dort wohl und aufgehoben. Und außerdem akzeptieren mich meine Kolleginnen und Kollegen so, wie ich bin – auch, wenn sie nicht nachvollziehen können, wieso ich mich in meiner Freizeit so gern quäle.“

 

Hintergrund: Co-Therapien

Co-therapeutische Maßnahmen bilden Mosaiksteine bei der Behandlung psychisch kranker Straftäter/-innen. Unter dem Begriff Co-Therapien versammeln sich in der Klinik für forensische Psychiatrie folgende Angebote: Physiotherapie, Bewegungstherapie, pädagogische Maßnahmen und die Ergotherapie (ehemals Beschäftigungs- und Arbeitstherapie). Die Arbeitstherapie teilt sich in handwerkliche Bereiche und industrielle Fertigung. Folgende Handwerksbereiche sind am Standort Haina sowie an der Außenstelle Gießen etabliert: Schreinerei, Malerei, Schlosserei und Gärtnerei mit angegliedertem Ladengeschäft.

Die Co-Therapien haben einen festen Platz im Gesamtbehandlungskonzept der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina. Die Beschäftigungstherapie ermöglicht den Patienten/-innen einen ersten Einstieg in die Normalität: einer Tagesstruktur folgen, Verantwortung übernehmen sowie prosoziales Verhalten erlernen sind nur einige von vielen Übungsfeldern. Die Arbeitstherapie hat eine ähnliche Zielsetzung. Allerdings ist sie realitätsnäher, denn sie orientiert sich zunehmend an den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes oder der Tätigkeit in Werkstätten für behinderte Menschen.

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